Anna Enquist : Letzte Reise (Roman)

James Cook gehört zu den großen Entdeckern und Seefahrern der Weltgeschichte; der Bauernsohn aus Yorkshire erforschte und kartographierte Pazifik und Südsee und brachte es bis zum Admiral der englischen Flotte. Doch Anna Enquist stellt nicht ihn, sondern seine Frau Elizabeth, die zeitlebens hinter der Gestalt des großen Entdeckers im Schatten blieb, in den Mittelpunkt ihres Buches. Im Jahr 1775 wartet Elizabeth Cook in London sehnsüchtig auf die Rückkehr ihres Mannes von seiner zweiten großen Entdeckungsreise. Sie hofft, dass er nun, wie er es ihr versprochen hat, in England bei ihr und den Kindern bleibt. Doch es kommt anders - bereits ein Jahr später lässt sich Cook zu einer dritten Seereise in den Pazifik überreden, von der er nicht zurückkehren wird: 1779 wird er auf Hawaii von Eingeborenen erschlagen. Wie Elizabeth trotz Widerstands der Admiralität die unklaren Umstände seines Todes aufdeckt und wie sie ihr weiteres Leben alleine bewältigt, erzählt die Autorin bewegend und in einer ruhigen, überaus feinfühligen Sprache. Elizabeth Cook sollte ihren Mann um 56 Jahre überleben; ebenso wie die sechs gemeinsamen Kinder. Sie starb 1835 im ungewöhnlich hohen Alter von 94 Jahren. Anna Enquist erzählt von einem Leben voller Verzicht und Schicksalsschlägen, das gleichzeitig stille Größe birgt. Für mich eines der beeindruckendsten Leseerlebnisse der letzten Jahre!

 


Thomas Harding : Sommerhaus am See (Sachbuch)

Es muss ein idyllisches Sommerrefugium gewesen sein, das sich die jüdische Berliner Familie Alexander auf dem großen Gartengelände am Glienicker See errichtet hat, auch wenn es eigentlich nur ein Holzhaus war. Aber oft erweisen sich ja die als Übergang, Provisorium oder auf Zeit angelegten Projekte als die beständigeren. Für Elsie Alexander, die Großmutter des Autors, blieb das „Sommerhaus am See“ jedenfalls, trotz Verfolgung und Vertreibung durch die Nazis, ein stiller Sehnsuchtsort. Über die Jahrzehnte bot es nach den Alexanders weiteren Familien Zuflucht und blieb, trotz aller Zeitläufte, wie durch ein Wunder erhalten. Es überstand Krieg und Bombardierung, danach lag es auf dem Gebiet der DDR und die Mauer zog sich am Seeufer entlang, quer durch den Garten. Nach der Wende stand es leer und zerfiel immer mehr; am Ende drohte der Abriss. Thomas Harding, der heute in Großbritannien lebt, besuchte das Gelände und fasste nicht lange danach einen spontanen Entschluss. Bald fand er Helfer aus der Familie und der Nachbarschaft, die ihn bei seinem ungewöhnlichen Vorhaben tatkräftig unterstützten: er wollte das Haus erhalten und ihm seine Geschichte zurückgeben - deutsche Geschichte eines Jahrhunderts, die sich in den Hausbewohnern - Juden, Nazis, Flüchtlingen und DDR-Bürgern - spiegelt.


Diane Ackerman : Die Frau des Zoodirektors (Roman)

1939 überfällt Nazideutschland Polen und damit beginnt die Drangsalierung der polnischen und jüdischen Bevölkerung. Vor allem in Warschau werden die Juden im abgeriegelten Ghetto zusammengepfercht. Jan Żabiński, der Direktor des Warschauer Zoos, und seine Frau Antonina, sehen die Gräuel mit Entsetzen. Schnell ist ihnen klar, dass hier geholfen werden muss: immer wieder schmuggeln sie auf riskante Weise Juden aus dem Ghetto auf das Zoogelände und verstecken sie dort in leeren Tiergehegen. Das ist nicht ganz ungefährlich, denn die Nazis nutzen den Zoo für eigene Zwecke. Dennoch gelingt es den Żabińskis, auf diesem abenteuerlichen Weg mehr als 300 Menschen vor dem sicheren Tod zu bewahren. Eine Geschichte über Mut und Menschlichkeit, die mich umso tiefer berührt hat, weil sie auf wahren Ereignissen beruht.


Christopher Skaife: Der Herr der Raben

Christopher Skaifes Job ist mehr als außergewöhnlich, denn es gibt ihn nur ein einziges Mal auf der Welt: Als Rabenmeister im Tower von London ist er verantwortlich für die Raben Ihrer Majestät, Queen Elizabeth‘ II. Schließlich besagt eine Legende, dass England untergehen wird, sobald die Raben aus dem Tower verschwinden. Über die Jahre hat er ein enges Verhältnis zu den Tieren aufgebaut und kennt ihre verschiedenen Charakterzüge genau.

Neben Geschichten und Geheimnissen aus dem Tower erfährt der Leser daher viel über außerordentlich kluge und hochsoziale Vögel, die in unserer Kultur zu Unrecht mit einem unglückbringenden, negativen Image behaftet sind.


 

Ursula März : Tante Martl

Eigentlich hätte sie, nach zwei Mädchen, ein Junge sein sollen – und als diesen lässt der tief enttäuschte Vater sie im Juni 1925 entgegen jeglicher Vernunft auch ins Geburtsregister eintragen. Erst Tage später wird der Fehler korrigiert, nachdem die Mutter mit sofortigem Auszug gedroht hat. Ist es nur diese unerfüllte Erwartung, oder sind es andere Gründe, die Martina Mericault – „Tante Martl“ - ein Dasein am Rande der Familie, neben ihren Schwestern Bärbl und Rosa, zuweisen? Dass sie, die unverheiratet und kinderlos Gebliebene, stets etwas verschroben Wirkende letztlich die Emanzipiertere ist; dass sie sich zwar vom Elternhaus nie wirklich lösen kann, aber schon in den fünfziger Jahren ein selbstständigeres Leben führt als manch andere Frau; davon erzählt ihre Patentochter Ursula März hier liebevoll, empathisch und wohltuend unaufgeregt – für mich eine beeindruckende Hommage an eine nur scheinbar unscheinbare, besondere Frau.


 

Laura Spinney :  1918. Die Welt im Fieber

Die „Spanische Grippe“ wütete weltweit zwischen 1917 und 1919 und forderte mit 50 bis 100 Millionen Toten vermutlich mehr Opfer als beide Weltkriege zusammen. Warum ist diese Pandemie, die als die „bösartigste je dokumentierte Influenzavariante“ gilt, heute weitgehend aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden? Woher kam sie, wie verbreitete sie sich, und welche Folgen hatte sie? Laura Spinney schildert verständlich, umfassend und spannend Verlauf und Auswirkungen der Spanischen Grippe-Pandemie auf Gesellschaft, Politik und Kultur weltweit. Ursachen und Wirkungen, soviel wird klar, waren weitreichender, zahlreiche Faktoren bedeutsamer als bisher angenommen.

Die meisten Schilderungen habe ich – im Jahr 2021 - als geradezu bedrückend aktuell empfunden. Doch hat die Welt aus dem Geschehen gelernt? Die Autorin zeigt sich überzeugt: „Irgendwann wird ganz sicher wieder eine Pandemie ausbrechen, doch dann wird es von der aktuellen Weltlage abhängen, ob ihr zehn Millionen oder hundert Millionen Menschen zum Opfer fallen werden.“ Und: „Fraglich ist nur noch, wann der Zeitpunkt, wie heftig der Verlauf sein wird und wie wir uns optimal darauf vorbereiten…“. Geschrieben 2017! Nur zwei Jahre später tauchte in China ein neuartiges Virus auf – und wieder befand sich „die Welt im Fieber“…


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