Events und Feste

Zuckerwattewolken und Wohlfühlatmospäre

Bestes Kerbwetter in Orwisch füllte Gassen und Zelte – Besucher aus Nah und Fern genossen das Traditionsfest in vollen Zügen

Zuckerwattewolken am strahlend blauen Himmel. Warm, aber nicht zu heiß. Fröhliche Kindergesichter bei Spielen, mit denen schon ihre Großeltern ihr Glück versuchten. Gutgelaunte junge Leute als friedliche Stimmungsmacher und Traditionspfleger. Wohlfühlatmosphäre auf der gesamten Festmeile rund um den Dalles.  Drei Akte und eine Aufwärmrunde. Das Lustspiel namens „Orwischer Kerb“ hat auch in seiner 2025er Version ein Lächeln auf die Gesichter aller Beteiligten gezaubert, seien es die Verantwortlichen und die Organisatoren im Hintergrund oder diejenigen, für die sich alle wieder mächtig ins Zeug gelegt hatten, nämlich die Besucher aus Nah und Fern, die dieses Fest fürs Volk in vollen Zügen genießen durften. Und das taten sie bei einem Wetterchen, das wieder erstklassig mitspielte – wie fast immer rund ums erste September-Wochenende.

Ob in den Vereinszelten, den Gaststätten oder an den Buden und Karussells – überall war der Andrang groß. Das galt zwar vor allem in den Abendstunden, doch bei idealem Kerbwetter konnten sich die Stand- und Zeltbetreiber auch schon nachmittags über mangelndes Interesse nicht beklagen. Die Strippenzieher des festlichen Vergnügens, allen voran der Kerbkommissionsvorsitzende Thomas Herrmann, waren jedenfalls „rundum zufrieden“ – zumal es, so Herrmann, an allen Tagen ruhig geblieben sei, sprich: Es gab keine handfesten Auseinandersetzungen; die Polizei musste nicht eingreifen.

Traditionelle Eröffnung am Samstag mit dem Kerbumzug zum Dalles

Wie immer durfte schon am Freitag über die Kerbmeile flaniert werden, doch offiziell eröffnet wurde das bunte Treiben erst am Samstag. Am Café Schließmann in der Darmstädter Straße setzte sich nach dem donnernden Signal der Urberacher Schützen ein kleiner Kerbumzug in Bewegung: vorneweg ein Dutzend Musiker vom MV 06 Urberach, dann hinter der Kerbfahne 25 Kerbborsche und Kerbmeedschen, Kerbvadder Max Mertink vorneweg, danach die Kerbkommission samt Bürgermeister und der 2000er Borsche- und Meedchen-Jahrgang. Über Töpferstraße, Traminer Straße, Robert-Bloch-Straße und Bahnhofstraße ging es zum Dalles, wo schon der Kerbborsch auf seine Inthronisation wartete.

Kerbborsch Otto mit Goldrand-Gerripten und Salutschüssen inthronisiert

Werner Popp, der den offiziellen Teil wie gewohnt moderierte, stellte ihn vor. Schon im vergangenen Jahr hätte im Fortschreiten nach dem Alphabet sein Name mit „O“ beginnen müssen. Damals war man sich jedoch einig gewesen: Der gutgekleidete Kerl muss „Hülles“ heißen. Damit wurde einem Mann die Ehre erwiesen, der über viele Jahre die Orwischer Kerb mitgeprägt hatte: Dieter Hüllmandel, eben als „Hülles“ bei allen bekannt und beliebt und im Frühjahr 2024 verstorben. Diesmal wurde „Otto“ von der Urberacher Wehr hoch oben auf dem aus dem Vorjahr recycelten Baum in Szene gesetzt. Benannt wurde er nach dem „Geise-Otto“, Landwirt, großer Kerbfreund und Vater des Kerb-Urgesteins Carlo Geis. Thomas Herrmann stellte die Silberjubilare vor – als damaliger Kerbvadder ist er selbst einer von ihnen – und ehrte sie mit eigens gravierten Goldrand-Gerippten. Dann wurde eine 2024 wiederbelebte Tradition fortgeführt: Mitglieder des Historientrupps der Schützengesellschaft schossen mit ihren altertümlichen Handfeuerwaffen Salut.

Anschließend galt es, das Freibierfass anzustechen: Eine Aufgabe für Bürgermeister Jörg Rotter. Nach einem kräftigen Schlag saß der Zapfhahn und der Gerstensaft konnte fließen. Auch Erste Stadträtin Andrea Schülner war gefordert – beim Ebbelwoi-Anstich. Der Bürgermeister nutzte die Gelegenheit, der Firma Rügemer zu danken, die an den Zufahrtsstraßen ihre Container platziert hatte – ein wichtiger Aspekt des Sicherheitskonzepts, das zudem Betonblöcke umfasste, die von den Mitarbeitern des Bauhofs gegossen worden waren. Rotters Dank galt auch Thomas Herrmann, der als Nachfolger von Dieter Hüllmandel in große Fußstapfen getreten sei, sich aber im zweiten Jahr prächtig schlage. Dass Traditionen und Brauchtum bewahrt würden – dazu brauche es Menschen, die sich dafür einsetzen.

Nach einer Verschnaufpause wurde es dann nach und nach immer voller auf der Feiermeile. Kaum ein Durchkommen mehr war dann am Abend. Beschützt wurden die Gäste von je acht Mitarbeitern von Polizei und Sicherheitsfirmen, für Notfälle standen mehrere Helfer der Johanniter parat.

Sonntag mit Kerbgottesdienst und Umzug

Der Sonntag begann wie immer mit dem Kerbgottesdienst in der St.-Gallus-Kirche. Nach dem Motto „korz, awwer gut“ bewegte sich dann am Nachmittag ein Kerbumzug – neben den Protagonisten vom Samstag waren auch Jugendfußballer des FC Viktoria dabei – über die Festmeile zum Dalles, wo Kerbvadder Max Mertink den Kerbspruch verkündete, wie immer aus der Feder von „Herschwert“ Peter Knapp. Besser bei Stimme als im vergangenen Jahr, richtete der Kerbborsche-Anführer seinen spöttischen Blick (natürlich), friedlich gesinnt, auf die Querelen um Kinderbetreuungsgebühren und Grundsteuer, auf die Aufwertung des Kirchengeländes „im Unnerort“ und andere kostspielige Stadtumbauvorhaben, auf den künftigen McDonalds „im gelobten Land“, der die Kinder mehr freue als das 125-jährige Jubiläum der Trinkbornschule. „750 Jahre Orwisch“ würdigte der Kerbvadder als runde Sache, wäre nicht der Regen gewesen, der den Feierlichkeiten „einen Hauch von Ober-Röder Kerb“ verliehen habe. Traurig konstatierte er das Ladensterben im Ort – mit dem „Backofen-aus“ beim Bäcker-Michel als vorläufigem Tiefpunkt.

Direkt im Anschluss gab es auf der Bühne der offenen Arbeit „Kirche einmal anders!“ – zur Freude von Pfarrer Klaus Gäbler. Auf der Kerbmeile wurde es danach wieder enger, an den Buden und Ständen verpulverten die Kinder ihr Kerbgeld. Wer sich am Montag Urlaub genommen hatte, blieb auch am Sonntag ein paar Stunden länger. Mit dem ausgedehnten Frühschoppen – unter reger Beteiligung der Stadtverwaltung – ging die Kerb am Montag ihrem Ende entgegen, bevor sie dann am Abend für ein Jahr beerdigt wurde.