Wie Blei hängt eine brütende Glocke über dem Rhein-Main-Gebiet. Temperaturen knapp jenseits der 35-Grad-Marke, flirrende Hitze, kein Lufthauch ist zu spüren. Kaum eine Menschenseele verirrt sich in den öffentlichen Raum an diesem späten Mittwochnachmittag. Dies gilt auch für den Häfnerplatz. Das Areal vor der Kelterscheune: verwaist, leergefegt, öde. Gerade so, als sei dort rund um die Sitzrondelle ein heißluftbedingter Dämmerschlaf im Gange.
Das Problem nur: Ausgerechnet hierhin, zu diesem Rödermark-Hotspot in zentraler Lage, hat Bürgermeister Jörg Rotter eingeladen. Ausgerechnet dieses, nun alles andere als einladende Zeitfenster wurde gewählt, um schon Wochen vorher mit Aushängen, Ankündigungen auf der Stadthomepage und Pressemitteilungen darauf aufmerksam zu machen. Der Verwaltungschef ist auf seiner Dialogtour durch die Stadtteile zu Gast in Urberach. Wer konnte schon ahnen, dass eine derart brachiale Hitzewelle ausgerechnet in dieser Konstellation über Rödermark zusammenschwappen würde?
Folglich ergibt sich Problem Nr. 2: Was tun? Kurzerhand absagen? Frei nach dem Motto „Da kommt doch eh keiner…“ Rotter überlegt in seinem Büro im Rathaus Ober-Roden und entscheidet. Sein Tenor: „Wir fahren rüber, wir gehen hin. Kneifen gilt nicht, und wenn auch nur ein Einziger Interesse zeigen sollte. Na und, dann gibt’s halt eine Sprechstunde der besonderen Art.“
Gewagte These, es darf gewettet werden. Der Bürgermeister und ein Trio aus dem Fachbereich Wirtschafsförderung und Kommunikation treffen letzte Vorbereitungen. Noch schnell eine Mikrobox und einen Kasten mit Wasserfläschchen in den Kofferraum hieven – und los geht’s. Gespannter Blick auf die Zeiger, Punkt 17 Uhr… Und siehe da: Tatsächlich hat ein Gast den Weg zum Treffpunkt nicht gescheut.
Die Devise: Exklusiv…
Folglich lautet die Devise: „Willkommen zum Exklusiv-Termin!“ Aus dem angepeilten Meinungsaustausch mit einer Menschentraube unter freiem Himmel wird spontan eine Begegnung unter Solo-Vorzeichen in der zumindest etwas kühleren Kelterscheune. Licht an, schnell ein paar Stühle aufstellen und einen Tisch aufklappen. Mehr Kulisse braucht’s an diesem denkwürdigen Tag nun wahrlich nicht.
Alle lächeln in Anbetracht der kuriosen Umstände. Auch der Besucher, der den Part des Fragestellers nun ganz alleine ausreizen und auskosten darf. Nein, seinen Namen will er nicht unbedingt im Bericht über diese Veranstaltung lesen, sagt der Mann augenzwinkernd. Nur so viel: Er lebt in Urberach, an der Rodaustraße. Warum die Stadt dort seit Jahren keine Tempo-30-Anordnung zustande bringe, will er wissen.
Der Bürgermeister antwortet mit Verweis auf übergeordnete Behörden. Auch die Polizei sei in den Prozess der Abwägung eingebunden worden. Anwohner-Interessen, Unfallsstatistiken, die Funktion der Rodaustraße als eine der Hauptschlagadern des innerörtlichen Straßen-Verkehrsnetzes: All diese und noch viele weitere Aspekte habe man beleuchtet. Mit dem Ergebnis, dass Tempo 30 an dieser Stelle als rechtlich nicht wasserdicht verworfen worden sei, betont Rotter. Seine Zusage: Mehr Details zu diesem Thema werde eine Stellungnahme der städtischen Ordnungsbehörde aufdröseln. Wenige Tage später wird die E-Mail verschickt.
Doch zurück zum Dialog mit Pingpong-Charakter, direkt und offen, garantiert ohne Warteschleife. So wechseln die angesprochenen Themen unterm Dach der Kelterscheune schnell, doch sie kreisen letztendlich allesamt um eine zentrale Frage: Wie kann die Stadt die dramatisch angespannte Finanzlage in den Griff bekommen? An welchen Stellschrauben muss gedreht werden?
„Wer bestellt, muss dafür auch bezahlen!“
Rotter redet nicht um den heißen Brei herum. Er sieht die Kommune in der Pflicht („Es werden alle Leistungen durchforstet, auch was das Halten oder Abstoßen von Immobilien betrifft“) und weiß, dass dieser Prozess für die Menschen vor Ort punktuell mit Mehrbelastungen und Abstrichen einhergehen wird. Deshalb, so der Bürgermeister, werde er nicht müde, die zentrale Botschaft inmitten der Debatte ums „liebe“, aber leider an vielen Stellen fehlende Geld immer wieder in Erinnerung zu rufen: „Wer bestellt, muss dafür auch bezahlen!“
Der Bund und das Land Hessen seien gefordert. Ohne Strukturreformen zugunsten der Städte und Gemeinden werde keine Wende zum Besseren zustande kommen. Wer die Kommunen mit einer förmlich explodierenden Ausgabenlast im sozialen Sektor sträflich allein auf weiter Flur stehenlasse, riskiere die Erosion der demokratischen Fundamente. Diese Tatsache habe die bundesweite Protestaktion „Kommunen am Limit“ nachdrücklich in Erinnerung gerufen, unterstreicht Rotter.
Und es trifft sich gut: Nur einen Tag nach dem Rödermärker Bürgerdialog im kleinstmöglichen Format macht die Nachricht von einer Einigung im Bund-Länder-Format die Runde. Der große Wurf? Wohl noch nicht. Aber immerhin: Ab September 2026 würden 80 Prozent der Kosten, die den Kommunen durch neue Bundesgesetze entstünden, von der höchsten staatlichen Ebene übernommen, heißt es nach der Beratungsrunde mit Bundeskanzler Friedrich Merz im Rahmen der Ministerpräsidentenkonferenz. Indes: Über die aufgelaufenen Altlasten und Schulden der zurückliegenden Jahre müsse noch separat verhandelt werden – so der schwerwiegende Nachsatz.
Marathon, nicht Sprint
Die nach wie vor ungeklärte Gemengelage beschreibt den Status quo in den kleinen, kommunalen Verästelungen sehr präzise. Exakt so, wie es Rotter seinem Sologast in Urberach verdeutlicht hat: Marathon und nicht Kurzstreckensprint sei angesagt. Eine Politik der kleinen Schritte, keine Effekthascherei für den Moment.
Der Bürgermeister hat für sich selbst die Schlussfolgerungen aus alledem abgeleitet: Nicht wegducken, nicht ausweichen. Stattdessen: Immer wieder Rede und Antwort stehen, Sachverhalte erklären und die Menschen mitnehmen. So wie an jenem Hitzetag zur Jahresmitte. Gleichwohl bleibt die Hoffnung, dass sich die Dinge bei den nächsten Vor-Ort-Terminen in Messenhausen und Ober-Roden wieder anders einpendeln. Einige Grad weniger, ein paar mehr interessierte Gäste – so wird’s wohl kommen.