Welche emotionalen Qualen erleiden Kinder und Jugendliche, wenn Krieg in ihren Heimatländern ausbricht? Welcher Schockzustand stellt sich ein, wenn plötzlich Bombeneinschläge zum Alltag gehören und es eines Tages heißt: „Bereitet euch vor – wir flüchten“? Mit sehr persönlichen und aufwühlenden Worten haben junge Menschen aus Syrien, der Ukraine, dem Iran und anderen Krisenherden der Welt ihre Erfahrungen zu Papier gebracht. Entstanden ist ein Buch mit dem Titel „Unsere Geschichten: Die Flucht in eine fremde Heimat.“ In Rödermark waren einige der Jung-Autoren kürzlich zu Gast. In der Stadtbücherei gab es eine Lesung mit berührenden und nachdenklich stimmenden Momenten.
Wenn der Ukrainer Oleksandr Suiarko an den Beginn der russischen Invasion im Februar 2022 zurückdenkt und schildert, wie damals seine „Seele zitterte“… Wenn die Kurdin Ros Ibrahim beschreibt, wie in ihrem vertrauten Lebensumfeld in Syrien „der Albtraum zur Realität wurde“… Und wenn Hania Schojaee über ihre mehrjährige Flucht-Odyssee berichtet, die im Iran begann, dann in die Türkei und nach Griechenland führte, ehe schließlich in Lollar bei Gießen ein sicherer Hafen angesteuert wurde… Dann ist es mal wieder so weit. Mit ihrem Buch sind die Youngster auf Lesereise. Zahlreiche Stationen gab es bereits – und weitere sollen folgen.
Dass der Abstecher in den Kreis Offenbach zustande kam: Dafür hat Solvejg Schröder gesorgt. Die Leiterin der Bibliothek der Nell-Breuning-Schule hörte im Radio eine Reportage über das außergewöhnliche Projekt in Mittelhessen, zeigte sich tief beeindruckt und nahm Kontakt auf. Gemeinsam mit Jenny Roters und Bernhard Nowak, den beiden führenden Köpfen der Stadtbücherei, konnte schließlich der Termin im Rothaha-Saal eingefädelt werden. Bei der Veranstaltung, die vornehmlich von NBS-Schülern aus den dortigen DaZ-Klassen besucht wurde („Deutsch als Zweitsprache“), kamen viele Parallelen und ähnliche Gefühlslagen zum Vorschein. Wie bei den Altersgenossen von der Clemens-Brentano-Europaschule in Lollar sind auch bei etlichen Pennälern in Rödermark die Stichworte Flucht, Entwurzelung und Neu-Orientierung sehr präsent und prägend.
Apropos: Wie das denn nun sei mit den Wurzeln, die jeder Mensch irgendwo schlagen wolle? Wo sich der Begriff „Heimat“ festmachen lasse? Wie stark die Perspektive „Rückkehr“ sei, trotz all der bemerkenswerten Erfolge beim Deutschlernen und bei der Integration in die hiesige Gesellschaft? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Aussprache, nachdem jeder der jungen Gäste einen Einblick in die jeweilige Biografie gegeben hatte.
„Heimat: Das ist ein Ort, wo ich mich gut fühle und geliebt werde“, brachte Ros Ibrahim ihre innere Richtschnur auf einen kurzen Nenner. Dass der Weg zurück in den vertrauten Kulturkreis der Vor-Flucht-Zeit gleichwohl durch die Köpfe schwirrt und auch ein Stück weit die Zerrissenheit dieser „Generation Migration“ widerspiegelt: Das machte Oleksandr Suiarko mit einem Augenzwinkern deutlich. Sein Ausblick: „Ich möchte mal IT-Programmierer werden. Und eines Tages vielleicht Präsident der Ukraine. Deshalb: Merkt euch meinen Namen!“
„Unsere Geschichten“ kann in der Stadtbücherei an der Trinkbrunnenstraße ausgeliehen werden. Zudem gibt es dort Informationen für all jene, die sich den Episoden-Band im Buchhandel besorgen möchten.
Für Jenny Roters steht fest, dass das Thema vertieft werden sollte, möglicherweise mit einer öffentlichen Veranstaltung, die in diesem Jahr nachgereicht werden könnte. „Es ging mir sehr nahe, zu sehen und zu hören, wie reflektiert die Jugendlichen auf die einschneidenden Erlebnisse ihrer noch kurzen Lebensläufe zurückblicken. Da wurde und wird sehr deutlich, dass sich das Stichwort ‚Migration‘ nicht auf abstrakte Zahlen reduzieren lässt. Es sind ganz konkrete, menschliche Schicksale, die Aufmerksamkeit verdient haben", betonte Roters nach der Begegnung im Bücherturm.