Kulturhalle

„Bleiben Sie Aushängeschilder für das reale Leben!“

Gute Kombination beim Neujahrsempfang der Stadt: Nachdenkliche Töne, gepaart mit Mutmacher-Botschaften

 

Auch eine Text-Kostprobe aus einem seiner Bücher brachte Florian Sitzmann als Protagonist beim Neujahrsempfang der Stadt Rödermark zu Gehör.

Beachtliche Resonanz: Rund 350 erwartungsfrohe Gäste aus dem großen, weitverzweigten Kosmos der Rödermärker Stadtgesellschaft folgten am vorigen Sonntag der Einladung der kommunalen Verwaltung. Sie alle, darunter auch einige Besucher aus der Nachbarschaft wie Landrat Oliver Quilling und der Dreieicher Bürgermeister Martin Burlon, kamen zum Neujahrsempfang 2026 in die Kulturhalle.

Mit Sekt wurde anstoßen, über die ersten Wochen des noch jungen Jahres angeregt geplaudert – und dazu spielte das glänzend aufgelegte Orchester des Musikvereins 03 Ober-Roden unter der Leitung von Symeon Rizopoulos. Vornehmlich einfühlsame Pop-Balladen-Medleys hatte das Ensemble für seine akustische Untermalung im Rahmen des zweistündigen Programms ausgewählt. So waren schöne, harmonische Klangreisen angesagt. Mit verdientem Beifall wurden die Frauen und Männer an den Instrumenten vom Publikum dafür bedacht.

Apropos Applaus: Den gab es reichlich, ganz unmittelbar und nicht zu überhören an den Tischen, aber auch indirekt, bei den Gesprächen nach dem Empfang. Sie fand Anklang, die von der Ersten Stadträtin Andrea Schülner angestoßene Idee, den diesjährigen Jahresauftakt „doch mal ein bisschen anders aufzuziehen“. Mit einem Ehrengast im Rampenlicht, den die Vize-Bürgermeisterin vor über zehn Jahren im Lokal „Lang’s Gusto“ in Urberach kennengelernt hatte.

Beide Beine verloren

Florian Sitzmann, der 1992 im Alter von 15 Jahren als Beifahrer auf dem Motorrad bei einem schweren Unfall beide Beine verlor, las damals aus seinem ersten Buch, prägnant betitelt mit den Worten: „Der halbe Mann – Dem Leben Beine machen.“ Schülner bekannte beim jetzigen Wiedersehen in der Kulturhalle: „Seine offene, völlig unverkrampfte Herangehensweise an das Thema ‚Leben mit Handicap‘ hat mich damals sofort beeindruckt und fasziniert. Danach habe ich den weiteren Werdegang von Flo sehr aufmerksam verfolgt.“ Diese Vorgeschichte führte zu guten Kontaktfäden, schließlich zur Einladung zum Neujahrsempfang.

Und so kam er mal wieder in die hiesigen Gefilde: Der mittlerweile 49-jährige Sitzmann, beheimatet in Roßdorf bei Darmstadt, verheirateter Vater dreier Kinder, ehemaliger Handbike-Weltklassesportler, Buchautor mit kaufmännischer Ausbildung, Hausmann und gefragter Talkshow-Gast in Personalunion. Kurzum: Ein Mentalitätsriese mit außergewöhnlicher Willensstärke. Ein Mann, der trotz härtester Schicksalsschläge nie den Glauben an sich selbst verloren hat. Und an sein Umfeld: Familie, Freunde und Bekannte, die ihn stützen. Ein Zirkel freilich, der – gleichsam als Wechselwirkung – auch von ihm selbst begeistert, motiviert und mitgezogen wird. Etwa dann, wenn es bei Benefizveranstaltungen unter sportlichen Marathon-Vorzeichen darum geht, Geld für Kinder und Jugendliche mit Unterstützungsbedarf zu sammeln.

Über all das erzählte Sitzmann bei seinem Abstecher nach Rödermark. Über das „Schubladendenken“ der Mehrheitsgesellschaft, die die Minderheit der Menschen mit Handicap leider allzu häufig noch immer in schwarz-weiß gefärbte Rubriken einsortiere. Aber auch über Mut machende Ansätze, anders an die Dinge heranzugehen, einfach offen, freundlich und konstruktiv.

So wie beispielsweise Rita Ebel, die „Hanauer Lego-Oma“, die gemeinsam mit einem Team von Gleichgesinnten wertvolle Rampen baut: Mobilitätshilfen für Rollstuhlfahrer und Personen, die mit Rollatoren oder Kinderwägen unterwegs sind. Auch Ebel zählte zur großen Gästeschar in Rödermarks „guter Stube“, auch sie wurde herzlich begrüßt und beklatscht.

Schlüsselsätze von Sitzmann: „Wir sollten alle miteinander nicht so viel meckern, sondern im eigenen Mikrokosmos Positives bewirken, am besten im Zusammenspiel mit anderen. Denn die Kraft der Gemeinschaft ist etwas ganz Wunderbares.“

„Sickerndes Gift“

Worte, die perfekt mit der Neujahrsansprache von Bürgermeister Jörg Rotter harmonierten. Mucksmäuschenstill war es im Saal, als der Verwaltungschef am Rednerpult stand. Eine zweigeteilte Botschaft hatte er zu verkünden. Zum einen: Kollektive Anstrengung und gesellschaftliche Solidarität einfordernd, so wie Sitzmann. Zum anderen aber auch: Kritische Anmerkungen zu einem „sickernden Gift“ unserer Zeit. Stichwort: Soziale Medien. Rotter betonte: „Sie haben praktischen Nutzen mit einer Vielzahl von Diensten – ganz unbestritten. Aber sie erzeugen mit vielen ihrer Plattformen eben auch einen ganzen Kanon von Negativ-Entwicklungen: Suchtverhalten, verbale Aggression, gesellschaftliche Spaltung und Vereinsamung.“

Der Bürgermeister gab zu bedenken: „Von einer Mücke, die im digitalen Netz zu einem Elefanten aufgeblasen wird, lassen wir uns manchmal treiben und gedanklich beherrschen. Ich sage es deshalb ganz unverblümt: Haben wir denn völlig den Kompass verloren? Können wir nicht endlich das reale Leben wieder in den Vordergrund rücken? Warum verschwenden wir so viel Zeit in den Schattenwelten des Virtuellen?“

Rotters Schlussappell gab der Klage einen Dreh in Richtung Ansporn und Optimismus: „Liebe Gäste hier in dieser großen Runde, bleiben Sie bitte alle zusammen Aushängeschilder für das reale Leben in unserer Stadt! Verlieren Sie sich nicht in Nebensächlichkeiten, sondern helfen Sie ganz konkret mit, wenn es darum geht, sozialen Zusammenhalt zu bewahren, hier in Rödermark und über die Stadtgrenzen hinaus.“