Obdachlosigkeit: eine gerne verdrängte Realität

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Seit 2017 gibt es in der Verwaltung der Stadt Rödermark eine Wohnungssicherungsstelle. Sie berät und unterstützt Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht und betroffen sind. Ein besonderes Augenmerk kommt der präventiven Vermeidung von Obdachlosigkeit zu. Das heißt: tätig zu werden schon vor dem Wohnungsverlust, immer mit dem Ziel, den Wohnraum für die Menschen zu sichern. Gelingt dies nicht, kann eine Notunterbringung erfolgen.

Im Bedarfsfall stellt die Stadt Rödermark Menschen, die keine Wohnung haben, eine Obdachlosenunterkunft zur Verfügung. Diese städtischen Notunterkünfte sind zweckmäßig eingerichtet und befinden sich dezentral über das gesamte Stadtgebiet verteilt. Die dezentrale Unterbringung vermeidet eine mögliche Stigmatisierung von Obdachlosen.

Es kommt aber immer wieder vor, dass sich obdachlose Menschen in Rödermark aufhalten, die nicht in einer Notunterkunft leben. Sie lehnen das Angebot, hier untergebracht zu werden, ab. Es kommt dann immer wieder vor, dass Bürgerinnen und Bürger die Wohnungssicherungsstelle über diese Menschen informieren. Aber dem Handeln der Stadt sind in solchen Fällen klare Grenzen gesetzt. Einige Wohnungslose wollen keine adäquate Unterkunft oder können nicht in geschlossenen Räumen leben. Sie haben sich freiwillig, selbstbestimmt und in voller Absicht für genau diese Lebensform entschlossen. Die Entscheidung, so zu leben, gehört nach Artikel 2, Absatz 1 des Grundgesetzes zu dem Grundrecht auf allgemeine Handlungsfreiheit und ist nach herrschender Rechtsauffassung zu tolerieren.

„Die Grundrechte sind hier oberstes Gebot“, betont Erste Stadträtin Andrea Schülner. „Freiheit bedeutet eben auch, in dieser Form leben zu können, solange die freiheitlich demokratischen Grundrechte anderer nicht verletzt werden. Eine freie Entscheidung ist grundsätzlich zu akzeptieren, auch wenn wir uns nicht wirklich vorstellen können, wie das möglich ist, dass sich Menschen für einen Weg entscheiden, der ‚normalen‘ Lebensentwürfen diametral entgegengesetzt ist. Eine demokratische Gesellschaft muss es aushalten können, wenn Menschen eigene Wege gehen, wie auch immer diese aussehen.“

Grundsätzlich können Städte und Kommunen Übernachtungen im öffentlichen Raum mittels einer Polizeiverordnung bußgeldpflichtig reglementieren. Hier ist dann die Frage der Sinnhaftigkeit und Verhältnismäßigkeit zu stellen. Der betroffene Personenkreis verfügt in der Regel nicht über entsprechende Ressourcen.

Der unfreiwillig obdachlos gewordene Mensch hat dagegen Ansprüche auf Unterstützung durch die Behörde, also Stadt oder Kommune. Auch dieses Recht gehört zu den Grundrechten nach dem Grundgesetz, der Garantie der Menschenwürde wie auch des Rechts auf Leben, auf Gesundheit und körperliche Unversehrtheit.

Der Begriff Obdach bezeichnet dem Grunde nach eine Unterkunft, die Schutz vor den Unbilden des Wetters bietet. Nach heutiger Definition ist Obdachlosigkeit eine Lebenslage, in der Menschen über keinen festen Wohnraum verfügen und im öffentlichen Raum übernachten. Doch die Realität fasst dies weiter: Obdachlos sind auch Menschen, die nur über eine provisorische oder unsichere Unterkunft verfügen.

Obdachlosigkeit kann viele Ursachen haben und zieht sich durch alle Gesellschaftsschichten. Es wird oft darüber berichtet, doch im Grunde wissen wir sehr wenig darüber; verwertbare Zahlen gibt es nicht. In den Großstädten gehören Obdachlose zum Straßenbild, in kleinen Kommunen sind sie augenfällig. Sie berühren uns auf die unterschiedlichste Weise. Die Akzeptanz und der Umgang mit ihnen fällen uns schwer.

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