Stadt & Politik

Angemahnt: Augenmaß statt Aktionismus

Jörg Rotter sammelt Punkte beim TCO – Viele Themen, Fragen und stichhaltige Argumente beim Bürgerdialog in Messenhausen

Kahlschlagpolitik, die die soziale und kulturelle Infrastruktur zerstöre und Rödermark zur Schlafstadt mache, sei keine Option für die Zukunft: Das hat Bürgermeister Jörg Rotter bei seinem Dialogtermin in Messenhausen klargestellt. Fotos: Stadt Rödermark

Bürgermeister Jörg Rotter war zu Gast beim Tennisclub Ober-Roden auf dessen schmucker Sportanlage, idyllisch gelegen am Waldrand in Messenhausen. Doch es ging nicht um Spiel, Satz und Sieg, sondern um Fragen, Antworten und Überzeugungskraft. Argumentativ bemühte sich Rotter, Punkte zu sammeln. Und das gelang, weil ein großer Strauß an Stichworten zur Sprache kam und dabei viele Querverbindungen zu erkennen waren.

Der in Schieflage befindliche Haushalt der Stadt, die Problematik „Einzelhandel in den Ortskernen auf dem Rückzug“ sowie die Stadtentwicklung im Allgemeinen mit einer Vielzahl von baupolitischen Abwägungen: Das waren die zentralen Themen der rund 90-minütigen Aussprache, zu der sich knapp 20 Interessierte eingefunden hatten.

Mit Blick auf schwere Jahre, die nahezu allen deutschen Kommunen in Anbetracht der angespannten Finanzsituation und der dringend notwendigen Strukturreformen bevorstehen, plädierte der Verwaltungschef für ein vernunftbetontes Handeln mit Augenmaß. Teilweise abspecken und konsolidieren: Ja, dieser Ansatz sei unumgänglich. Doch zugleich gehe es darum, die sozio-kulturelle Infrastruktur in ihrer Grundsubstanz zu bewahren.

„Weiche Faktoren“

Kulturhalle, Stadtbücherei, Badehaus, Kinderbetreuung, Jugendarbeit, Angebote für Senioren: „Ich gebe zu bedenken, dass unsere Stadt von all diesen Dingen profitiert. Das Wohlfühlen vor Ort ist ganz unmittelbar damit verknüpft“, betonte Rotter. Auch in monetärer Hinsicht, was beispielsweise den Wert von Grundstücken und Immobilien anbelange, betrachte er die „weichen Faktoren“ als handfeste, harte und entscheidende Größe. Deshalb, so das Credo des Bürgermeisters, sei aktionistische Kahlschlagpolitik frei nach dem Motto „Dann werden wir halt Schlafstadt“ für ihn keine Option.

Zugleich machte der Gast aus dem Rathaus bei seiner Stippvisite auf der TCO-Terrasse deutlich: „Um den wachsenden Ausgabenbedarf perspektivisch schultern zu können, müssen wir die Einnahmeseite stärken. Dazu bedarf es der weiteren Ausweisung von Gewerbeflächen für expandierende und ansiedlungswillige Unternehmen. An der Nordspitze von Ober-Roden ist uns das mit einer geradezu existenziell notwendigen Weichenstellung gelungen. Dort laufen aktuell die Arbeiten. Am Hainchesbuckel zwischen Urberach und Messenhausen sind wir planerisch auf einem guten Weg – und es wird weitergehen müssen auf dieser Schiene“, erklärte Rotter.

Vom großen, produzierenden Gewerbe zum eher kleinteiligen Einzelhandel war es ein kurzer gedanklicher Sprung. Eine Besucherin der Veranstaltung brachte ihre Gefühlslage auf einen kurzen Nenner: „Die Situation ist schon traurig. Ich empfinde das als großen Einschnitt in die Lebensqualität“, unterstrich sie in Anbetracht von Ladenschließungen und bröckelnder Substanz in mehrfacher Hinsicht: Angebote, Fassaden, Orte der Begegnung…

Rotter räumte ein, dass die Kommunalpolitik teilweise nur sehr begrenzt oder gar nicht ins privatwirtschaftliche Geflecht von Vermietung und Geschäftsbetrieb eingreifen könne. Die klassische Einzelhandelsvielfalt des 20. Jahrhunderts werde wohl auch nicht wiederkehren. Gleichwohl sei es auch in diesem Sektor wichtig, eben nicht zu kapitulieren, sondern richtungsweisende Ansätze zur Umstrukturierung zu forcieren.

Funktionale Verbesserungen

Bäcker-Neuansiedlungen in Urberach und Ober-Roden, die mit Hilfe der fleißigen städtischen Wirtschaftsförderung zustande gekommen seien, verdienten positive Erwähnung. Auch gelungene Beispiele für privates Engagement zur Aufwertung von Immobilien oder funktionale Verbesserungen im Zuge der Ortskern-Förderprogramme seien zu nennen. Was freilich nicht bedeute, so Rotters gedanklicher Nachsatz, die Augen vor den zweifelsohne großen Herausforderungen zu verschließen.

Auch der aktuelle Sachstand beim Thema „Verkehrsentlastung für den Urberacher Ortskern“ (Rotter: „Die Variantenprüfung ist im Gange, final entscheiden wird das Stadtparlament“) und das leidige Ärgernis „Müll im öffentlichen Raum“ kamen beim Meinungsaustausch neben den Tennisplätzen zur Sprache. Kurz vor dem Ausklang gab es noch ein klares Bekenntnis des Bürgermeisters zur Mäßigung beim Stadtwachstum. Weitere neue, großflächige Wohngebiete seien aus seiner Sicht keine gute Empfehlung für Rödermark. Denn der riesige Bedarf an vielfältiger sozialer Versorgung, der damit einhergehe, wirke für die allermeisten Kommunen wie ein Klotz am Bein. Auch Nachbarstädte im Kreis Offenbach könnten ein Lied davon singen.

Fazit: Offen und ehrlich wurden die verbalen Bälle hin- und hergespielt. „Das war gut und informativ, weil auch viel Insiderwissen aus Politik und Verwaltung eingeflossen ist. Wir kommen wieder“, bilanzierten zwei Gäste auf dem Nachhauseweg. Die nächste Gelegenheit, den Bürgermeister bei seiner Dialogtour durch die Stadtteile zu treffen, wird im Dezember in Ober-Roden geboten. Wo und wann genau: Das soll in Kürze geklärt werden.